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Galerie am Gendarmenmarkt Eröffnungsrede 2. Juni 2005 |
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| Was ein Kunstwerk überzeugend macht, ist seine Aufrichtigkeit" René Graetz 1957 | |||||
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Meine sehr verehrten
Damen und Herren! Allein aus dieser liebevollen Charakterisierung heraus glaubt man zu spüren, von welcher Unrast der 1908 in Berlin geborene und 1974 in Graal-Müritz verstorbene Bildhauer und Graphiker René Graetz zeitlebens getrieben wurde. Das gilt nicht nur für das bewegte Leben des Sohnes eines Russen deutscher Abstammung und einer Italienerin - Berlin, Genf, lange Jahre in Kapstadt in Südafrika, seit 1939 in London, bald darauf in der Internierung in Kanada und dann seit 1946 wieder Berlin, im Ostteil der Stadt, sind die Hauptstationen -, sondern es bezieht sich vor allem auf seine Suche nach einem gültigen künstlerischen Ausdruck, in dem er sowohl seine Botschaft des Humanen als auch seine künstlerische Gestaltungskraft in Einklang bringen konnte. Im Rückblick auf einen solchen Lebens- und Schaffensverlauf mutet es immer wieder schmerzlich an, wie der von gesellschaftlichen Utopien erfüllte Künstler von den Verhältnissen, die er selbst gesucht hatte und in deren Dienst er sich bewusst stellte, wiederholt zurückgestutzt und auf Ebenen zurückgeworfen wurde, die seinem künstlerischen Potential nicht entsprachen. Es liegt schon Tragik in solchen Biographien, wie etwa auch der seines Mitstreiters Horst Strempel, deren Impetus in den späten 1940er und frühen 1950er Jahren der Gestaltung einer neuen Zeit, auch einem neuen Menschenbild galt, deren Wandbilder aber - und Graetz war daran wesentlich beteiligt - heftigste Diskussionen auslösten oder in der Zeit der so genannten "Formalismus-Debatte" wieder entfernt wurden - wie etwa mit dem Wandbild in der Schalterhalle des Berliner Bahnhofs Friedrichstraße geschehen. So konnten auch die in Graetz selbst vorhandenen widersprüchlichen Intentionen nicht so ausgetragen werden, wie es gerade für sein Naturell wichtig gewesen wäre. Denn die Unruhe in ihm selbst, seine sympathische Naivität und sein mehr geahntes Empfinden der ihm möglichen Ausdrucksformen hätten einen entsprechenden Freiraum gebraucht, um wirklich erprobt werden zu können. So setzte er sich auch selbst Grenzen, die er andererseits immer wieder zu durchbrechen suchte. Man fühlt förmlich die befreiende Wirkung, die mit der Gestaltung der "Upright Figures" seit 1970 verbunden war, als er im März 1970 in sein Tagebuch schrieb: "März 1970 - fange von vorn an - mein Formgefühl ist verbraucht - ich muß nach neuen Formbeziehungen suchen. Ist die menschliche Gestalt das einzige Medium, in der Skulptur neue Ideen auszudrücken? Mit Sicherheit nicht. Ich muß innehalten und nachdenken - nachdenken über alles, was ich in den letzten zwanzig Jahren gemacht habe. In vielerlei Hinsicht habe ich 20 Jahre meines Lebens verloren. Ich werde erst einmal einige einfache Übungen zu (neuen) Formbeziehungen machen, menschliche (Körper)formen nutzend, oder solche, die hieraus abgeleitet sind, um hieraus eine neue Formensprache zu entwickeln." Und etwas später notierte er: "Es ist erstaunlich, wie (jetzt) eine neue, weitaus plastischere Formbeziehung entstanden ist. Die Formen selbst sind (auch) viel eigenständiger. Ich bin - solange ich mich erinnern kann - nicht mehr so glücklich und zufrieden gewesen." |
Und so wird diese späte Phase seines Schaffens zu einem Höhepunkt seiner Arbeit, weil er sich aus Bindungen entlässt, die ihm vorher von außen und innen entgegenstanden und eine wirklich freie Formentfaltung seiner Formimagination nicht genügend ermöglichten. Andererseits ist dieser expressive Gestaltungstrieb, der ihm ganz eigentlich entsprach, auch in seinem vorangegangenen Werk als deutliche Spurenlegung unverkennbar immer mit im Spiel - die hier ausgestellten zwei Zeichnungen von 1940 lassen das überzeugend erkennen. Trotz alledem -
so könnte man sagen - hat Graetz ein Werk geschaffen, das in seinen
besten Leistungen zu einem wichtigen Bestandteil deutscher Kunst in
der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts geworden ist, was diese Ausstellung
hier in schöner Klarheit auch belegt. Besonders seine abstrahierten
Skulpturen, aber auch ein Teil seiner gestrafften Figuren, viele Blätter
seines druckgraphischen Werkes und vor allem eine ganze Reihe von Zeichnungen
vermitteln die Kraft und Intensität einer lebendigen Zeichengebung. Es werden Formgebilde
geschaffen, die in ihrer potentiellen Verfremdung und zeichenhaften
Verknappung elementare Bewegungen deutlich werden lassen - Bewegungen,
die oft von einem dramatischen Impuls inspiriert sind oder von Kräften
des Wachstums und damit des Werdens und Entfaltens erfüllt werden.
Lassen Sie mich
schließen mit zwei Zitaten von René Graetz, in denen er
mit der Bedeutung des Expressionismus letztlich auch seine eigenen Wurzeln
anspricht, die er zugleich auch als eine Haltung begriff. Schon 1957
schrieb er in der Zeitschrift "Bildende Kunst" - und dazu
gehörte seinerzeit durchaus Courage: |
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