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Eröffnungsrede Ausstellung
in der Galerie M, am 28.11. 2004 28-Nov-2004-Galerie M |
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| Für den Bildhauer und Maler René Graetz (1908-1974) | |||||
| Aufrichtigkeit
war ein Wort, das René Graetz mochte; er hat es gern benutzt, wenn
von Leben und von Kunst die Rede war. Vor allem Aufrichtigkeit wollte
dieser Bildermacher in einem Kunstwerk spüren. Er, dem Schönheit
der Farben Reichtum der Formen und Poesie alles bedeuteten, verachtete
jenen oberflächlich-pathetischen Naturalismus, wie ihn der Funktionärsapparat
in der DDR in den fünfziger, sechziger Jahren für seine Arbeiter-und
Soldatenhelden und Mensch-im Glück-Bilder verlangte. Graetz fesselte Anderes, Spannenderes: das Einfache, das so schwer zu machen ist, wie Brecht es einmal sagte: Das Menschliche, für den bildenden Künstler die menschliche Gestalt. Gerade dafür nannte der Schriftsteller Stephan Hermlin den 1964 in einer Berliner Tageszeitung wegen "westlicher Stiltendenzen" gemaßregelten Bildhauer einen "der bedeutendsten deutschen Künstler". Und wie recht Hermlin doch hatte, wenn wir heute auf diese um das Thema Leben und Tod, Werden und Vergehen kreisenden Arbeiten blicken. Gaetz interessierten reale Dinge nicht von ihrem Abbild, sondern von ihren Ausdrucksmöglichkeiten her. Ihm ging es - gleich den Bildhauergefährten jener Jahre - Fritz Cremer, Waldemar Grzimek, Gustav Seitz - um das Phänomen des Daseins, der Existenz, der Bedeutung der Dinge, nicht um ihr idealisiertes, sprich, geschöntes, Erscheinungsbild. Der Vorwurf des "unsozialistischen Formalismus'", der Berufskollegen wie Seitz und Grzimek schließlich außer Landes trieb und Graetz seelisch zusetzte, war andererseits kein Grund, ihn nicht mit dem Nationalpreis zu ehren, schließlich schuf er Mahnmale für die Gedenkstätten der einstigen Konzentrationslager Sachsenhausen und Buchenwald. Graetz bekam den Preis, obwohl er formal nicht klein beigegeben hat, und sich nach wie vor an Picasso, Moore, Matisse und Guttuso orientierte. Nein, das war es also wirklich nicht: Keine typische Künstlerlaufbahn made in Ostdeutschland war mit dem Leben und dem Werk René Graetz's verbunden. Er kam als Kosmopolit in hiesige Gefilde, als einer, der die Kunst der europäischen Moderne kannte von Picasso über Giacometti bis Henry Moore, wie wie es in dieser Bildversammlung jetzt deutlich sehen können. Das
Spannungsfeld zwischen Figuration und Abstraktion hatte er bei diesen
Künstlern intensiv erlebt; es war auch zu seinem Versuchsfeld geworden,
auf dem er nach Ausdruck suchte, und wofür er Konventionen verließ.
Und so sind seine Skulpturen, Plastiken und Bilder zwar figurativ aufgefasst,
dem Kubistischen, auch ins Surreale Gehenden aber viel näher als
dem Realen und der Abstraktion deutlich zugeneigt. Letztere indes erinnert noch im letzten Durchbruch, in der ausgedünntesten, reduziertesten, gebrochendsten Linie noch die Anschauung des vormals Organischen. Kompaktes und zugleich Reduziertes prägt die Graetz'schen Formungen, egal ob in Steinguss, Bronze oder als farbiger Pastellkreide-oder Kohlestrich auf krudem Packpapier. Mit seiner künstlerischen Klaviatur wollte er Mitgestalter einer friedlicheren, besseren, sozial gerechteren Welt sein - ein Dogma für die Kunst indes waren ihm fremd; mussten ihn befremden. Graetz hat, vor allem in der Kunst, das Internationale, das Multikulturelle ganz wie selbstverständlich gekannt, als man den Begriff noch nicht gebrauchte: Seine Mutter war Italienerin, der Vater entstammte einer deutsch-russischen Familie, zwar kam Graetz 1908, sechs Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, unterm Berliner Himmel zur Welt. Die Jugend indes erlebte er in der Schweiz, für die Bildende Kunst entschied er sich in Südafrika, ausgeübt hat er sie in Zürich, Paris und London, nach ihr verzehrt hat er sich im Internierungslager in Kanada. |
In Paris hatte er
Picasso, im englischen Exil den Bildhauer Henry Moore kennengelernt,
beide Künstler haben ihn formal beeinflußt. In London wurde
Graetz Mitglied der britischen Künstlerorganisation AIA, in London
fand er seine Frau, Elisabeth Shaw, die einzigartige Zeichnerin. Mit
ihr zusammen entschied er sich 1946 zur Reise nach Deutschland, zuerst
lebte das Paar im Westteil der Stadt, dann zog es in den Berliner Osten,
hierher waren so viele andere Emigranten zurückgekehrt, das machte
soviel Hoffnung. |
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