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Ausstellungseröffnung in der Genossenschaft Bildender Künstler Berlin | Günter Feist | ||
Meine sehr geehrten Damen und Herren, während
René Graetz auf einem Frachtschiff voller Autobusse über den Ozean in Richtung
Kuba schaukelt , sind wir dabei, zum zweitenmal binnen kurzem eine Graetz
- Ausstellung aus der Taufe zu heben. Diese Ausstellung setzt eine unlängst
begonnene Reihe fort, die Ausdruck einer deutlichen Intensivierung unseres
kulturellen Lebens ist. Erst kürzlich zeigte gar nicht weit von hier ein
junger Künstler, Horst Zickelbein, zu welcher Emotionalität die Farbe, das
ureigenste Mittel des Malers, erblühen kann. Hier in diesem Raum finden
wir Werke eines älteren, im Leben erfahreneren Künstlers, der aber doch
mit Zickelbein jugendliche Entdeckerfreude, die Unermüdlichkeit des Suchens
gemein hat. Sie alle kennen René Graetz und wissen, daß die Vielseitigkeit
seiner Interessen - nämlich an plastischen Bilden, am Zeichnen und Malen
-, die Vielfalt der Anregungen, denen er in der Folge oder gleichzeitig
nachspürt, die Raschheit seiner Begeisterungsfähigkeit mit all ihren starken
Seiten und natürlich auch all ihren Gefahren keine angelernter Werte der
Oberfläche sind, sondern sich auch aus Temperament und Charakter des Künstlers
herleiten, diese aber wiederum in einem nicht alltäglichen Leben geformt
wurden. Geboren wurde Graetz in Berlin, aber hier nur deshalb, weil seine
Eltern auf der Reise von Polen her Zwischenstation machten. Seine Kindheit
verbrachte er in Paris und vor allem in der Schweiz, jenem Land, das in
seiner Dreisprachigkeit wie eine Drehscheibe zwischen den benachbarten Kulturen
Frankreichs, Italiens und Deutschlands wirkt. Die Jünglings- und frühen
Mannesjahre, zugleich auch die Zeit der Kupferdruckerlehre, der Beschäftigung
mit der Malerei und dann mit der Plastik, sahen ihn für ein Jahrzehnt in
Kapstadt in der Südafrikanischen Union, dann in England und im kanadischen
Internierungslager, also im dritten Erdteil, zu dem er jetzt wieder unterwegs
ist. Mit all dem und natürlich auch mit seinem nun schon langjährigen Aufenthalt
in Deutschland hat ihn das Leben nicht nur mehrere Sprachen gelehrt, sondern
auch jene Empfänglichkeit für die verschiedenen Sprachen der Kunst, die
nun in diesem Raume hier nebeneinander klingen. Doch wie in seiner Wortsprache
der französische Akzent dominiert, so ist René Graetz wohl auch als Künstler
letzten Endes in der Kultur Frankreichs beheimatet. Mißverstehen Sie bitte
diese Bemerkung nicht als Vorwurf. Frankreich ist die Wiege der modernen
Bildkunst, die Wiege sage ich, das heißt, daß die gehfähigen und gehwilligen
Kinder durchaus in die verschiedensten Richtungen auseinanderstreben konnten.
Aber von Frankreich haben sie fast alle gelernt und dabei trotzdem zu sich
selber gefunden: die großen Mexikaner, Guttuso, Ciucurrencu in Rumänien,
die Muchina in der Sowjetunion und auch Max Liebermann und sogar Ernst Barlach.
Frankreich hat sie angezogen und umgeformt: van Gogh und Modigliani, Lingner
und Chagall, Archipenko und Brancusi. Was
aber für diese Namen gebilligt wird, das kann in seinen schöpferischen Dimensionen
zugegebener Maßen begrenzteren Künstler wie René Graetz nicht an sich Anlaß
des Tadels sein, eher der Zustimmung, denn schließlich leben wir in einer
Zeit, da die Länder zusammenrücken, künstlerische Selbstgenügsamkeit anachronistisch
ist, die vorwärtsgewandten Strömungen mehr denn je einander befruchten und
das Bild der Kunst auf diese Weise abwechslungsreich und anregungsstark
wird. Erst kürzlich konnte man aus einer der wenigen öffentlichen Reaktionen,
die es auf die Graetz-Ausstellung im Club der Kulturschaffenden gegeben
hat, einen solchen Tadel heraushören in Gestalt eines Hinweises auf die
Vorbildhaftigkeit Pablo Picassos. Gewiß, auch ich glaube, daß Picasso mehr
als irgendein anderer Graetz´ Vorbild ist, mehr als Marino Marini, dessen
Einfluß in mancher Plastik sichtbar wird, mehr als der italienische realismo,
der Graetz auf seiner Italienreise begeisterte und ihn in den folgenden
Jahren zu schönen Mutter-Kind-Porträts inspirierte, mehr auch als Fernand
Léger. Doch tut man René Graetz unrecht, wenn man meinen sollte, er würde
unschöpferisch arbeiten. Nicht zufälliges, launisches Nachamen-Wollen, sondern
innere gesetzmäßige Affinitäten im Weltanschaulich - Sozialen und im Nationalen
scheinen mir die wirklichen Ursachen des erwähnten Verhältnisses zu sein.
Im Weltanschaulich - Sozialen ist die kommunistisch-humanistische Haltung
Graetz und seinem Vorbild gemeinsam, eine Haltung, die kämpferischen Abscheu
vor den Gewalten der mörderischen Klassengesellschaft und zarte, scheue
Hoffnung auf das immer und überall zu verteidigende Menschliche am Menschen
und an der Menschheit in sich birgt. Im Nationalen ist es die Tatsache,
daß die von dem Spanier vorformulierte Auseinandersetzung mit der französischen
Kunst für den Deutschen akzeptabel ist, weil der Zusammenprall der kulturellen
Grundstrukturen, nämlich jeweils einer Kunst der Leidenschaften mit der
vom lateinischen Erbe her zu Klarheit und Rationalität neigenden französischen
Kultur ähnlich ist. Von diesen Grundlagen aus scheint mir die Kunst von
Graetz in ihrem Wesen und ihren Abhängigkeiten am besten deutbar zu sein.
Der Abscheu vor Ausbeutung, Unterdrückung, faschistischem Mord und vor der
Gefahr eines alles vernichtenden Krieges verbindet sich mit dem national-stilistischem
Hang zum Ausdrucksstarken, Formübersteigerten und gebiert eine expressiv-surreale
Kunst, die mit Symbolen des Chaos und des Aufschreis, mit Untieren und gespenstischen
Nachtvögeln, Gekreuzigten, Stürzenden und Gekrümmten und mit Formen splittriger,
spitziger und stachliger Konfigurationen arbeitet. Die Achtung vor dem gewordenen
Menschen und die Hoffnung auf das Werden in einer klassenlosen, friedlichen
Welt, die Lust zu Leben - und das heißt für den bildenden Künstler vor allem
zu sehen - finden dagegen in der jahrhundertealten unexpressiven Kunsttradition
Frankreichs ihr stilistisches Vorbild. Von hier dürften sich der klassizierende,
linear betonte, kurvige Zeichenstil, die Großheit und Würde vieler Formen
erklären, Dinge, die manche Zeichnung hier im Raume und auch die vorgestern
im "Neuen Deutschland" veröffentlichte Lithographie auszeichnen. Die idealistische
Verträumtheit mancher Figuren, die Symbole des Glücks und des Triumphes
haben wohl hier ihre Wurzeln: Lichtträger und Sonnen, die das Böse niederzwingen,
der Phönix, der sich immer wieder aus der Asche erhebt, Mutter- und Kind-Gruppen,
Frauen, die sich zum Rund zusammenrollen und so zu Zeichen des Absoluten
und Ewigen werden, einfachste Gegenstände wie etwa eine Leiter, die vielleicht
über manches Hindernis hinweghelfen möchte, Blätterkränze oder selbst gegenstandsfreie
Klänge von Formen und Farben, die aber bei Graetz nichts anderes sind als
bei Léger, nämlich optimistische Bejahungen der sinnlich existierenden Welt,
lustvolles Betätigen der menschlichen Wesenskraft Sehen.Den bei Picasso
wie bei Graetz bestehenden Dualismus der genannten Seiten, der expressiven
und der klassizierenden, den der soziologische Schematismus nicht als eine
Sicht der widersprüchlichen Welt erklären kann und deshalb in eine bürgerlich-dekadente
und eine sozialistisch-realistische, eine negative und eine positive Hälfte
auseinanderreißen muss, diesen Dualismus werden Sie auch in dieser Ausstellung
immer wieder finden, sei es in den Lithographien, den großzügigen Entwürfen
für Keramikwände oder Vorhänge, den interessanten Skizzen oder den mit hoher
Farbkultur und meist
auch mit feinem Formensinn dekorierten Tellern und Vasen, die alle zeigen,
auf wie vielfältige Weise sich modernes sozialistisches Lebensgefühl ausdrücken
läßt. Es kann nicht meine Aufgabe sein, Ihr Urteil darüber vorwegzunehmen,
ob René Graetz nun in jedem Einzelfalle das skizzierte Streben zum Erfolg
führt und ob Sie der einen oder der anderen Art den Vorzug geben oder gar
jenen neusten Werken, in denen sich eine Synthese anzukündigen scheint.
So schenkt das farbige Blatt "Sturm an der Küste" seine Expressivität einem
Alltagsvorfall, bei dem der Wind Mäntel aus bizarren Gebilden zaust. Ein
solches Blatt zeigt, auf welchem Wege René Graetz sein Auge anschauungskräftig
halten kann, etwas, was wohl wir alle dem Künstler nach dieser erfreulichen
Ausstellung vom ganzen Herzen wünschen. |
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