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Elizabeth Shaw wurde 1920 in Belfast in Nordirland
als Tochter einer bürgerlichen protestantischen Familie geboren.
Bücher umgaben sie von Kindesbeinen an. Ob sie mit dem großen
Dramatiker George Bernard Shaw verwandt ist, eine häufig an
sie gestellte Frage, vermochte sie selbst nicht zu sagen, und es
ist wohl auch nicht mehr festzustellen, da das Archiv, das darüber
hätte Auskunft geben können, verbrannt ist. Zur Kunst
drängte es Elizabeth, die schon mit vier Jahren, gemeinsam
mit ihrer älteren Schwester, eine private Schule zu besuchen
begann, von jeher. Von Bedford aus, wohin sie mit ihren Eltern und
ihren drei Geschwistern gezogen war, ging sie zum Studium nach London.
Sie studierte bei Graham Sutherland und, genoss an der gleichen
Schule die Aufmerksamkeit von Henry Moore für ihr künstlerisches
Talent. Der Krieg und insbesondere die deutschen Bombardements auf
England unterbrachen ihr Studium. Erste Proben ihres Könnens
lieferte sie für die Zeitschrift Lilliput, für die auch
der aus Prag stammende und über München und Berlin aufgestiegene
Illustrator und Karikaturist Walter Trier (1890-1951) arbeitete,
der ins Exil nach London gelangt war. Er bediente sich einer der
Shaw sehr verwandten Strichführung.
Bereits 1945 schienen die politische Entscheidung und der künftige
Weg der Elizabeth Shaw bestimmt zu sein. Zunächst war sie mit
Patrick Campende befreundet, einem Maler, der innerhalb der kommunistischen
Bewegung bis 1956 aktiv blieb. Bereits 1944 heiratete sie René
Graetz (1908-1974), zwar in Berlin geboren, aber in der Schweiz
aufgewachsen, mehrsprachig (Deutsch, Englisch, Französisch),
der als Drucker in Südafrika tätig gewesen war und in
London dem Freien Deutschen Kulturbund und seinen aus Deutschland
stammenden Exilanten nahe stand, als Künstler Autodidakt.
Das erste Buch, das Elizabeth Shaw illustrieren sollte, erschien
1945 in London, Gordon Schaffer: Labour Rules.
Der Wille, am Aufbau Deutschlands mitzuwirken, bestimmte Elizabeth
Shaw und René Graetz, 1947 nach Berlin zu gehen. Zunächst
wohnten sie im britischen Sektor, in Berlin-Charlottenburg, zogen
dann nach Zehlendorf und schließlich nach der Währungsreform
1948 nach Kleinmachnow, einem Villenvorort von Berlin, benachbart
Zehlendorf, das postalisch zu Berlin gehörte. Später wohnten
sie in Berlin-Pankow in der Nähe der Bildhauer Theo Balden
(1904-1995) und Heinz Worner (geb.1910).
René Graetz tauschte als Bildhauer und Graphiker mit seinem
engen Freund Herbert Sandberg (1908-1991), einem der wichtigsten
Streiter für die moderne Kunst, über Jahre, besonders
auf Spaziergängen, Gedanken aus, und er stritt bis in internationale
Gremien hinein. Er fühlte sich als Künstler Picasso verpflichtet.
Elizabeth Shaw sah sich aufgenommen in den Kreis des ULENSPIEGEL,
den Herbert Sandberg, befreit aus dem KZ Buchenwald, seit dem 24.
Dezember 1945, in der Nachfolge des alten Simplicissimus, gemeinsam
mit dem aus dem Zuchthaus Luckau entlassenen Günter Weisenborn
zunächst in amerikanischer Lizenz, abgesprochen mit Johannes
R. Becher (1891-1958), dem ersten Präsidenten des Kulturbundes
zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, herausgab. Nach dem
plötzlichen Ende des ULENSPIEGEL im Osten Berlins 1950 sahen
sowohl Elizabeth Shaw als auch Herbert Sandberg für ihr Wirken
als Karikaturisten in der Zeitung Neues Deutschland eine Plattform.
Ihre britische Herkunft hatte ihr schon im ULENSPIEGEL einen freieren
Blick ermöglicht, herzhafter und frecher wohl auch als das
ihren deutschen Kollegen eigen sein konnte. Ein besonderes Feld
ihrer karikaturistischen Sicht sollte das Porträt werden. Dafür
dürfen die Zeichnungen von Schriftstellern genannt werden,
die 1956 aus Anlass des IV. Deutschen Schriftstellerkongresses in
Berlin entstanden, vereint mit Versen von Paul Wiens (1922-1982)
im Aufbau-Verlag unter dem Titel Zunftgenossen - Kunstgefährten
erschienen, eine Broschur, aus der die Vielfalt der noch gesamtdeutsch
geprägten Literaten der älteren Generation, bis hin zu
Heinar Kipphardt, exemplarisch ablesbar erscheint. In der Porträtkarikatur
hatte Elizabeth Shaw kräftige Mitstreiter in Herbert Sandberg
und sollte auch einen in Harald Kretzschmar (geb. 1931) gewinnen.
Das Porträt, direkt vor dem zu Porträtierenden entstanden,
gehört zu ihren außergewöhnlichen Stärken.
Im Auftrag der Deutschen Akademie der Künste zeichnete sie
1958 deren Mitglieder. Die Zeichnungen sind einem großen Kreis
bis heute nicht zugänglich. Der Abschied von der Karikatur
erfolgte für Elizabeth Shaw bereits in den fünfziger Jahren
schrittweise. Zunächst war die politische Entmachtung von Rudolf
Herrnstadt (1903-L966), einem exzellenten Journalisten, seine Absetzung
als Chefredakteur des Neuen Deutschland und die damit zusammenhängende
fristlose Entlassung ihres speziellen Ansprechpartners, Arne Rehahn
(1924-1975), den sie als, Mitarbeiter der Kriegsgefangenensendungen
des BBC (er selbst war mit einem Flugzeug desertiert) wohl schon
aus London gekannt haben wird, ein Fiasko. Auch die Jahre nach dem
Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953, wenn sie bis 1956 auch scheinbar
in einer liberalen Phase verliefen, waren dem freien Umgang mit
der Karikatur nicht unbedingt förderlich. Auf jeden Fall verlor
die Karikatur in der Deutschen Demokratischen Republik in der zweiten
Hälfte der fünfziger Jahre ihre fähigste Karikaturistin.
Sie konzentrierte sich nun vorerst auf die Familie, auf die Erziehung
der Kinder, der Tochter Anne, geboren 1948 in England und des Sohnes
Patrick, geboren 1950. In der Arbeit für die Tagespresse hatte
sie stets vermisst, dass sie sich nicht auch in Farben ausdrücken
konnte.
Ist ihre Arbeit für das Buch in den fünfziger Jahren noch
gering, erzielt sie jedoch für ihre Illustrationen zu Johann
Fürchtegott Gellerts Fabeln im Aufbau-Verlag mit der
Auszeichnung als einem der "Schönsten Bücher"
einen beachtlichen Erfolg. In ihrem Stil, Dinge ganz charakteristisch
zu erfassen, in anscheinend einfacher Weise darzustellen, ist sich
Elizabeth Shaw treu geblieben. Mit hoher Energie folgte sie ihrem
Kindheitstraum, Künstlerin zu werden. Vor allem blieb ihre
Eigenständigkeit gegenüber dem Schaffen ihres Mannes,
René Graetz, gänzlich gewahrt.
Auf Anregung von Helene Weigel, Witwe von Bertolt Brecht, Schauspielerin
und Intendantin des Berliner Ensembles seit seiner Gründung,
war 1958, anderthalb Jahre nach dem viel zu frühen Tod des
Dichters, zu seinem 60. Geburtstag, ein kleines unscheinbar wirkendes
Bändchen entstanden, Gedichte und Geschichten, das mit den
Illustrationen der Shaw nicht allein ihre besondere Nähe zu
Brecht, sondern auch ihre Begabung für die Illustration speziell
für Kinder auswies. Auf sehr eindringliche und gleichzeitig
behutsame Art und Weise vermag sie pädagogisch, das heißt
vor allem erzieherisch Einfluß auf Heranwachsende zu nehmen,
sie positiv zu beeinflussen. Bertolt Brechts Ein Kinderbuch, 1965
im Kinderbuchverlag erstmals erschienen, wird als eines der am reichsten
und adäquatesten illustrierten Bücher im Werk Brechts
bestehen bleiben. Aus welchen Gründen in späteren Auflagen
44 Zeichnungen verändert oder ausgetauscht wurden, wohl selten
zu ihrem Vorteil, auch nicht zu dem des Gesamteindrucks des Buches,
wäre zu untersuchen.
Sieht man das illustrative Werk Elizabeth Shaws im Ganzen fällt
auf, dass sie dem der Satire und, dem Humor verpflichteten Autor
Lothar Kusche (geb. 1929), als Autor der Weltbühne auch unter
dem Pseudonym Felix Mantel bekannt, besonders verpflichtet ist.
Die Bücher erschienen fast ausschließlich im Eulenspiegel
Verlag. Hinzu kommt die Schriftstellerin Berta Waterstradt, mit
der gemeinsam sie über zwanzig Jahre für Das Magazin auf
Reisen im In- und Ausland unterwegs war, worüber sie in Wort
und Bild launig zu berichten wussten. Die Zeitschrift war beliebt,
wer kein Abonnement ergattern konnte, erhielt die 1924 gegründete
Zeitschrift, 1954 in Berlin abermals aus der Taufe gehoben, allenfalls
unter dem Ladentisch. Das Titelblatt, mit dem berühmten versteckten
Kater, lieferte über Jahrzehnte Werner Klemke. Gerade erschien
die Jubiläumsnummer zum 80-jährigen Bestehen der Zeitschrift,
in der in einem Rückblick auch Zeichnungen von Elizabeth Shaw
zu einem Text von Christa Wolf aus dem Jahre 1956 zu finden sind.
Allmählich fand Elizabeth Shaw aber ein Feld, in dem sie ganz
sie selbst war: das Kinderbuch, in dem Wort und Bild von ihr allein
stammten. Diesen Büchern waren hohe Auflagen beschieden. Sie
beziehen sich sowohl auf Elementares als auch auf Simples, wie in
Der kleine Angsthase oder Gittis Tomatenpflanze. Anregungen zu diesen
Kinderbüchern erhielt sie unter anderem aus dem Umgang mit
ihrem Berliner Enkelsohn. Auch an eigene Kindheitsträume erinnerte
sie sich, die nun in Schrift und Bild gefaßt wurden.
Förderlich waren ihrem Werk auch die gesellschaftlichen Anerkennungen,
die ihr seit der zweiten Hälfte der siebziger Jahre zunehmend
zuteil wurden, wie die Silbermedaille der Internationalen Buchkunstausstellung
für den Band Seit ich dich liebe (1977) aus dem
Verlag für die Frau, Leipzig, der erste Preis für ein
Exlibris der Pirckheimer-Gesellschaft (1971), mit deutlich karikierenden
Zügen des Dargestellten, die Verleihung des begehrten Käthe-Kollwitz-Preises
(1981) der Akademie der Künste und des Gutenberg-Preises der
Stadt Leipzig (1984).
Elizabeth Shaw war und blieb Irin in Berlin, wie sie 1990 in ihren
autobiographischen Aufzeichnungen Irish Berlin bekannte. Der britische
Pass erlaubte ihr einige Bewegungsmöglichkeiten, nicht nur
Reisen in ihr Heimatland, wie sie anderen Künstlern, selbst
in der Endzeit der DDR, außerordentlich erschwert, wenn nicht
gar unmöglich waren. Ihre geistige und künstlerische Heimat
aber hatte Elizabeth Shaw in der Deutschen Demokratischen Republik
gefunden. Sowohl ihren autobiographischen Bericht Irish Berlin
als auch ihre Kinderbücher hat sie, in Jahrzehnten der deutschen
Sprache nicht ganz mächtig geworden, wie auch ihre meisten
Kinderbücher, in Englisch verfasst. In allzu eiligen Verlagsgeschäften
scheint heute übersehen zu werden, dass der englische Originaltext,
der für anderssprachige Bücher zu übersetzen wäre,
vorliegt, ja der Originaltext ist.
In Berlin-Pankow, in der Grunowstraße, wurde 1999 eine Grundschule,
die jetzt gerade hundert Jahre alt wird, nach Elizabeth Shaw benannt.
Es war ein höchst freudiges Ereignis, zu dem auch die späte
Freundin der Künstlerin, die Malerin und Publizistin Sarah
Haffner, sprach.
Die kleine Bibliothek Elizabeth Shaw, eine eigene Reihe des Kinderbuchverlages,
der jetzt zur Verlagsgruppe Beltz, Weinheim, Basel, Berlin, gehört,
erscheint seit den späten neunziger Jahren und ist bereits
beim achten Band angelangt. Der mitunter nötig erscheinende
Wechsel im Format muss dabei verschmerzt werden. Der Sammler der
Shaw-Kinderbücher wird auf jeden Fall auch nach den originalen
Ausgaben aus dem alten Kinderbuchverlag greifen, die antiquarisch
reichlich vorhanden sein dürften.
Elizabeth Shaw war relativ schweigsam, öffentlichen Auftritten
wich sie lieber aus. Beobachten konnte sie so vielleicht besser,
um eine Situation und Charakteristisches mit Stift und Feder darzustellen.
Ihre Bücher für Kinder erfreuen sich großer Beliebtheit
in der Welt, bis hin nach Japan und Korea als auch nach Großbritannien
und in die nordischen Länder. Worüber die Bibliographie.
die aktuell erstellt worden ist, Auskunft gibt. Für tätige
Mithilfe in der Arbeit an der Bibliographie bin ich Patrick Graetz,
der das Kunstarchiv Elizabeth Shaw & René Graetz in Schwanebeck-West,
einem Berliner Vorort, liebevoll betreut, sehr dankbar. Ausstellungen
an vielen Orten zum Werk seiner Eltern gehören zu seinem Programm.
Davon zeugt auch der 2002 erschienene Band Elizabeth Shaw, Spuren
der Erinnerung, der im Herbst 2002 im Kunstkaten Ahrenshoop Die
Aufenthalte an der Ostsee in Bildern, Texten und Dokumenten präsentierte.
Die Irin Elizabeth Shaw hat sich in Berlin durchgesetzt. Heute gehört
ihr Werk der Welt, es erlebt eine Renaissance. Mit ihren Texten
und Bildern leben neue Generationen von Kindern.
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